Das Problem ist nicht immer dort, wo wir es vermuten: Wie Sie durch Reframing neue Handlungsspielräume gewinnen
Haben Sie sich schon einmal in einer Situation befunden, die absolut festgefahren schien? Ein beruflicher Konflikt, der trotz unzähliger Gespräche auf der Stelle tritt, oder eine strategische Entscheidung, bei der jede Option nach einem Kompromiss mit schmerzhaften Einbußen aussieht? In solchen Momenten neigen wir dazu, den Blick krampfhaft auf das offensichtliche Problem zu richten. Wir analysieren Ursachen, suchen nach Schuldigen oder versuchen mit noch mehr Aufwand, die Blockade zu durchbrechen – oft ohne Erfolg.
In der systemischen Beratung begegnet uns dieses Phänomen täglich: Wenn der gewohnte Blickwinkel keine Lösung mehr erlaubt, liegt das selten daran, dass es keine Lösung gibt. Es liegt daran, dass der gewählte Rahmen den Blick verengt. Was passiert, wenn wir nicht das Problem bekämpfen, sondern den Rahmen verändern, durch den wir darauf blicken?
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Warum unsere Wahrnehmung kein objektives Bild der Realität ist
Wir gehen im Alltag ganz selbstverständlich davon aus, dass wir die Welt so wahrnehmen, wie sie „wirklich“ ist. Aus der Perspektive des systemischen Konstruktivismus erschafft sich jedoch jeder Mensch seine eigene subjektive Wirklichkeit. Unsere Erfahrungen, Werte, Prägungen und bisherigen Erfolge bilden eine mentale Landkarte.
Diese Landkarte hilft uns, uns in einer komplexen Welt zu orientieren. Doch wenn wir vor neuartigen oder vielschichtigen Herausforderungen stehen, kann dieselbe Landkarte zur Begrenzung werden. Wir sehen dann nur noch das, was zu unserem bisherigen Erklärungsmuster passt – und übersehen Ressourcen und Handlungsoptionen, die außerhalb dieses gewohnten Rahmens liegen.
Was bedeutet Reframing in der systemischen Praxis?
Das Wort Reframing lässt sich mit „Umdeutung“ oder „Einen neuen Rahmen geben“ übersetzen. Es geht nicht darum, schwierige Situationen schönzureden oder Probleme zu ignorieren. Reframing beschreibt vielmehr den gezielten Versuch, ein Verhalten, eine Krise oder eine Blockade in einen anderen Kontext zu stellen und ihr dadurch eine neue, tiefere Bedeutung zu verleihen.
Ein Verhalten, das im ersten Moment störend oder unkonstruktiv wirkt, erfüllt im Gesamtsystem meist eine schützende oder stabilisierende Funktion.
- Ein Beispiel aus dem Führungsalltag: Eine Führungskraft erlebt das hartnäckige Nachfragen eines Teammitglieds als zeitraubenden Widerstand. Blickt man systemisch darauf und verändert den Rahmen, kann dasselbe Verhalten als hohes Verantwortungsbewusstsein und der Wunsch nach absoluter Qualität verstanden werden.
Sobald sich die Bewertung der Situation ändert, verändert sich auch die eigene emotionale Haltung und das eigene Kommunikationsangebot. Aus Konfrontation kann plötzlich ein konstruktiver Dialog entstehen.
Dünne Beschreibungen verflüssigen: Wie neue Sichtweisen entstehen
Wenn Menschen in festgefahrenen Situationen zu uns in die Beratung kommen, bringen sie oft sehr „starre“ Erklärungen mit: „Der Kollege ist uneinsichtig“, „Ich bin nicht entscheidungsfreudig genug“ oder „Unsere Abteilung blockiert die Veränderung“.
In der systemischen Beratung nennen wir dies eine Problem-Trance. Die Erzählung ist so verfestigt, dass kein Raum mehr für Ausnahmen bleibt. Durch gezielte systemische Fragen und Interventionen regen wir dazu an, diese starren Muster zu hinterfragen:
- Fragen nach Ausnahmen: „Wann gab es Momente, in denen das Problem überraschenderweise nicht aufgetreten ist – und was war in diesen Momenten anders?“
- Zirkuläre Fragen: „Was glauben Sie, wie Ihr Gegenüber die Situation beschreiben würde? Welches Anliegen vermutet Ihr Kollege hinter Ihrem Verhalten?“
- Kontextwechsel: „In welchem Umfeld wäre genau diese Eigenschaft keine Schwäche, sondern eine entscheidende Stärke?“
Durch diese gezielten Perspektivwechsel verliert das Problem seine absolute Härte. Es wird verflüssigt – und plötzlich werden Handlungsmöglichkeiten sichtbar, die vorher schlicht unsichtbar waren.
Drei Impulse für Ihren Alltag: Den Rahmen selbst erweitern
Wenn Sie merken, dass Sie gedanklich feststecken oder eine Situation Sie stark belastet, können Sie folgende Schritte nutzen, um Ihren Blickwinkel zu lockern:
1. Die Frage nach dem „guten Grund“ stellen
Gehen Sie davon aus, dass das störende Verhalten – sei es bei Ihnen selbst oder bei anderen – ursprünglich einen sinnvollen Zweck hatte oder hat. Fragen Sie sich: „Wovor schützt dieses Verhalten aktuell? Welcher positive Wert wird dadurch bewahrt?“
2. Die Beobachterperspektive einnehmen
Treten Sie gedanklich einen Schritt zurück. Stellen Sie sich vor, Sie schauen von außen auf die Situation wie auf eine Szene auf einer Bühne. Welche Wechselwirkungen und Muster erkennen Sie zwischen den beteiligten Personen, wenn Sie niemanden beschuldigen, sondern nur das Zusammenspiel betrachten?
3. Den Begriff „Problem“ durch „Anliegen“ ersetzen
Sprache formt unsere Realität. Wenn wir von einem „Problem“ sprechen, schwingt Schwere und Ausweglosigkeit mit. Wenn Sie stattdessen fragen: „Welches noch unklare Anliegen verbirgt sich hinter dieser Schwiereigkeit?“, richtet sich Ihre Energie automatisch auf Klärung und Gestaltung.
Fazit: Klarheit beginnt nicht immer mit der fertigen Lösung
Veränderung erfordert nicht immer den großen Umsturz oder die sofortige, perfekte Antwort. Oft beginnt echte Orientierung mit dem Mut, die eigenen Annahmen infrage zu stellen und die Situation aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.
Wenn wir erkennen, dass der Rahmen bestimmt, was wir sehen, gewinnen wir die Freiheit zurück, diesen Rahmen bewusst zu verschieben.






